Alle wollen einen besseren ÖPNV!

Was genau wollen denn alle?

von Rainer Mühlnickel

Es ist ein großes Thema. Das Zukunftsbild 2030 für Braunschweig formuliert es. In sämtlichen Wahlprogrammen zur Kommunalwahl steht es. Die Bürgerinnen und Bürger fordern es beim Leserforum der Braunschweiger Zeitung: Der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) soll besser werden. Anschließend nicken alle. Und was bedeutet das? Ist der gesamte ÖPNV schlecht? Ich will mal das Thema etwas differenzierter betrachten.

ÖPNV ist in Braunschweig in erster Linie das Angebot von Stadtbahnen und Bussen, dass von der Braunschweiger Verkehrs-GmbH gefahren wird. Darüber hinaus gibt es noch ein paar weitere Busunternehmen, die Linien aus dem Umland in die Stadt betreiben. Etwa aus Wolfsburg und Lehre kommend die Wolfsburger Verkehrsgesellschaft mbH, aus dem Raum Sickte das Reisebüro Schmidt und aus der im Norden angrenzenden Samtgemeinde Schwülper die Verkehrsgesellschaft Landkreis Gifhorn. Abgerundet wird dieses Angebot durch Regionalbahnen, die in Braunschweig am Hauptbahnhof erreicht werden. Lediglich zur Regionalbahn nach Gifhorn kann zusätzlich auch am Bahnhof Gliesmarode zugestiegen werden.

Die vielen Linien fahren in unterschiedlichen Takten auf verschiedenen Linienwegen. Nicht alle Bürgerinnen und Bürger können mit einer Linie direkt von zu Hause in die Innenstadt fahren. Wenn es also viele unzufrieden sind, wird das mit hoher Wahrscheinlichkeit mit den Takten, Linienwegen und nicht funktionierenden Anschlüssen zusammenhängen.

Ist das Liniennetz zeitgemäß und bedarfsgerecht?

Die Stadtbahnen befahren ein seit über 100 Jahren gewachsenes Gleisnetz. Die meisten Strecken führen vom Stadtrand aus den Großwohnsiedlungen in die Innenstadt. In den letzten Jahren wurde viel an den Ampelschaltungen programmiert, so dass die Bahnen in der Regel recht zügig fahren können. Wer im fußläufigen Umkreis einer Stadtbahnhaltestelle wohnt, kommt somit gut und zumeist umsteigefrei in die Innenstadt.

Die Linienbusse teilen sich die Straßen gemeinsamen mit allen individuell fahrenden Autos und dem Lieferverkehr. Güterverkehr, also schwer beladene LKWs die durch die Stadt fahren, ist aufgrund der Umfahrung der Stadt auf den Autobahnen eher selten anzutreffen. Auf den Straßen gibt es dennoch genug Konflikte. Im Busverkehr gibt es Linien, die in der Hauptverkehrszeit sehr unzuverlässig sind. Dazu gehören u. a. die Ringbuslinien 419 und 429 sowie die lange Buslinie 411, die von Lamme über Kanzlerfeld und Lehndorf in die Innenstadt führt und über Jasperallee, Altewiekring, Hauptbahnhof und Bebelhof weiter in Richtung Südstadt und Mascherode fährt.

Darüber hinaus gibt es Buslinien, die im Anschluss von und zur Stadtbahn verkehren. Steht der Bus im Stau oder ist verspätet, wird der Anschluss verpasst. Das ist dann sehr ärgerlich für alle Fahrgäste.

Ein Blick auf die Buslinien zeigt auch: die fahren nicht immer auf dem schnellsten Weg in die Innenstadt. Da wird hier und dort noch ein Schlenker gefahren, um den ein oder anderen Ort mitzunehmen. Wer beispielsweise aus der Lindenbergsiedlung in die Innenstadt will, fährt erstmal über Rautheim zur Helmstedter Straße oder über die Südstadt und die Jasperallee und jeweils weiter in die Innenstadt. Das kostet Zeit. Und Zeit ist ein wichtiger Faktor. Das Angebot von Stadtbahn und Bus muss mit den Reisezeiten von Autos und Fahrrad konkurrieren können. Beim ÖPNV gehört zur Reisezeit: der Weg zu Fuß oder mit dem Rad zur Haltestelle, die Wartezeit an der Haltestelle, die Fahrzeit in der Stadtbahn oder im Bus und schlussendlich der Weg zu Fuß oder mit dem Rad zum Ziel.

Deshalb steckt hinter der grundsätzlichen Forderung nach einem besseren ÖPNV: die meisten Fahrgäste wollen möglichst schnell und auf direktem Weg von ihrer Haltestelle in die Innenstadt, zur Schule, zur Arbeit oder zu einer Freizeitaktivität bzw. von dort wieder nach Haus befördert werden. Nach diesen Kriterien müssen wir uns also das Liniennetz anschauen und ggf. nachbessern.

Was ist ein attraktiver Fahrplan?

Was erwarten wir alle eigentlich, wenn wir zur Haltestelle gehen? Ich erwarte, dass nach kurzer Wartezeit eine Stadtbahn oder ein Bus kommt, mit dem ich meine Reise starten kann. Zugegeben, dass in meinem Wohnort Querum der Bus nicht ganz so häufig fährt wie beispielsweise an der Jasperallee, das kann ich nachvollziehen. Ich bin gern bereit mich im Vorfeld zu informieren. Letztendlich wünsche ich mir einen leicht merkbaren Fahrplan, der möglichst den ganzen Tag lang gilt. Also einen 10 oder 15 Minutentakt, wo die Abfahrten immer zu den gleichen Minuten erfolgt. Von morgens bis abends. Denn dann hab ich die Abfahrtzeiten im Kopf.

Während der kurzen Wartezeit an der Haltestelle erwarte ich einen Wetterschutz, eine Beleuchtung und eine Sitzgelegenheit. Und ich möchte darüber informiert werden, ob meine Stadtbahn und mein Bus pünktlich ist.

Letztendlich wollen wir alle ein verlässliches Angebot. Das bedeutet, wir erwarten, dass wir von morgens bis zum späten Abend uns darauf verlassen können, dass wir mit Stadtbahnen und Bussen unsere Wege in der Stadt erledigen können. Auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit funktioniert das überwiegend sehr gut. Wenn ich abends zum Sport will, ins Theater, ins Kino oder mich einfach mit Freundinnen und Freunden zu einem Bier verabrede, werde ich schon vorsichtiger. Denn abends ab 18 Uhr dünnt der Fahrplan plötzlich aus. Einzelne Linien stellen den Betrieb ein, der Fahrplan verändert sich. Ab 20 Uhr gibt es Anschlussverkehr am Rathaus. Der endet auf einigen Linien plötzlich ab 22 Uhr. Wenn ich nicht bis 23 Uhr die Stadt verlassen habe, stehe ich ziemlich dumm da. In der zweitgrößten Stadt Niedersachsens gibt es dann nur noch eine letzte Fahrt um Mitternacht.

Hier müssen wir ansetzen. Insbesondere im Freizeitverkehr ist das Fahrplanangebot nicht mehr zeitgemäß. Abends sowie am Wochenende vertrauen viele nicht darauf, mit einer verhältnismäßigen Wartezeit nach Hause zu kommen. Wenn die Wartezeit länger ist als die eigentliche Fahrzeit, hat der ÖPNV jegliche Attraktivität verloren.

Die Reisekette muss gewährleistet sein – Ohne Rückreise keine Anreise!

Für Fahrgäste über die Stadtgrenze hinaus ist noch ein zusätzlicher Faktor wichtig: Anschlüsse müssen gewährleistet sein. Wenn die letzte Regionalbahn nicht mehr erreicht wird, weil die Stadtbahn aus der Innenstadt nur noch selten zum Hauptbahnhof verkehrt, steigt niemand um. Dann fahren Menschen bereits nicht mehr mit dem Regionalzug zu ihrem Abendtermin nach Braunschweig. Denn wenn die Rückreise im ÖPNV nicht problemlos möglich ist, erfolgt auch keine Anreise mit dem ÖPNV!

Reisende aus den letzten Fernzügen, aus Dresden/Leipzig und aus Frankfurt/Main stranden gegen 23 Uhr am Hauptbahnhof. Sie kommen mit Stadtbahnen und Bussen zeitnah nicht mehr zu ihren Zielen in der Stadt. Da präsentiert Braunschweig ein ziemlich provinzielles Dasein.

Guter ÖPNV ist ein wichtiger Standortfaktor

Hinter dem Wunsch nach einem besseren ÖPNV steckt also:

  • ein verlässliches Angebot von morgens bis Mitternacht an allen Wochentagen
  • ein Taktfahrplan mit möglichst wenigen Taktwechseln, damit er leicht merkbar ist
  • Pünktliche Abfahrten und Echtzeitinfos, wenn es zu Verspätungen kommt
  • gut ausgestattete und saubere Haltestellen mit Wetterschutz, Sitzgelegenheit und Beleuchtung
  • möglichst direkte und somit schnelle Fahrwege insbesondere in Richtung Innenstadt
  • saubere Fahrzeuge

Das braucht ein leistungsstarker ÖPNV in Braunschweig

Damit wir uns in Braunschweig dieser Herausforderung annehmen, brauchen wir eine starke und kompetente Verkehrs-GmbH. Diese hat mehr als vorbildlich in den letzten 15 Jahren ihr Defizit reduziert. Jetzt ist das Unternehmen so effizient, dass weitere Einsparungen nicht mehr möglich sind. Außerdem sind wir eine wachsende Stadt. Auf die wachsende Bevölkerung muss das Unternehmen auch mit Leistungserweiterungen an ausgewählten Stellen reagieren können.

Das Defizit des kommunalen Unternehmens wird letztendlich aus dem allgemeinen Haushalt der Stadt ausgeglichen. Die Vorgaben zum Wirtschaftsplan liegen derzeit bei knapp 19 Mio. Euro. Wir Grüne setzen uns dafür ein, das die Defizitvorgabe bei 20 Mio. Euro liegen soll. Uns ist ein guter ÖPNV 20 Mio. Euro wert!

Zusätzlich muss ein Anreizsystem das Unternehmen ermuntern, so effizient wie möglich die eben beschriebene Leistung zu erbringen. Wenn Einsparungen, etwa durch sinkende Energiekosten, erzielt werden, sollen diese im Unternehmen für weitere Verbesserungen verbleiben. Belohnt werden muss auch, wenn die Fahrgastzahlen steigen. 50 Mio. Fahrgäste ab 2020 (40 Mio. waren es in 2015) sind ein ambitioniertes Ziel, dass wir gern formulieren möchten. Ein gutes Marketing rundet die Arbeit des Verkehrsunternehmen ab.

Und die Effizienz ist gegeben: mit derzeit rund 40 Mio. Fahrgästen und einem Defizitausgleich von knapp 19 Mio. Euro investieren wir 48 Cent in jede beförderte Person. Mit rund 50 Mio. Fahrgästen bei 20 Mio. Euro Defizitausgleich wären es 40 Cent je beförderter Person. Das sind die Kennzahlen, die u. a. zur Bewertung von grüner Politik angesetzt werden.

 

Rainer Mühlnickel kandidiert für den Rat der Stadt Braunschweig sowie den Bezirksrat Wabe-Schunter-Beberbach.

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