Besuch in der Fliegerhalle

Eine Ecke Braunschweigs, die ich nur als gruselig zu beschreiben weiß, beginnt in meiner Kindheitserinnerung direkt unter der Brücke der Münchenstraße. In der dunklen Jahreshälfte galt es als Mutprobe den Weg möglichst tief in Richtung des alten Westbahnhofes zu gehen. Industriebrachen mit eingeworfenen Scheiben waren das Limit, bis zu dem ich mich traute. Auch zu späteren Zeiten, nach Besuchen im Joker, blieb es für mich eine No-Go-Area.

Kaum eine Entwicklung in Braunschweig bildet für mich solch Kontrast zwischen Erinnerung und Gegenwart wie der, der sich mir bietet, wenn ich heute in der Gegend des Westbahnhofes unterwegs bin. Neben dem Ringgleis und dem altersübergreifenden Fitnesspark bildet die Fliegerhalle den absoluten Hingucker am Westbahnhof. Schwer zu entscheiden, ob der bunte 17m Kletterturm oder die Glasfront der Fliegerhalle die höhere Fotogenität besitzt. Das Beispiel des Westbahnhofes zeigt, dass Sportangebote ein wichtiger Baustein, bei der Rückgewinnung von städtischen Brachflächen, sind. Es ist wichtig, dass nicht jede freie Fläche für die Nachverdichtung genutzt wird und so noch mehr Platz der fortschreitenden Bodenversiegelung zum Opfer fällt. Attraktive Freizeit- und Bewegungsangebote müssen ein wichtiges Ziel der Stadtplanung sein.

Dass Sportstätten schon seit Anfang November als erstes im Rahmen des Lockdowns geschlossen wurden, ist umso schmerzlicher, wenn man bedenkt, wie gut die Braunschweiger*innen neue Sportangebote angenommen haben. So war der Boom des Kletter- und Bouldersports in Braunschweig zuletzt ungebrochen. Mittlerweile gibt es drei kommerzielle Anbieter, die ihre Boulderflächen jüngst sogar noch erweitert haben. Eigentlich, so erklärt es uns der Geschäftsführer Nils Könekamp, hat auch die Fliegerhalle noch viel vor. In Kooperation mit dem Deutschen Alpenverein (DAV) soll auf dem Gelände der Fliegerhalle ein zusätzlicher 15m hoher Turm entstehen, um auch Speedklettern möglich zu machen. Klettern hätte 2020 eigentlich sein olympisches Debüt in Tokio feiern sollen. Sportklettern als olympische Kategorie wurde dafür als Dreikampf definiert. Dazu gehören Bouldern, Lead und Speed. Wobei Bouldern und Lead zu dem Standardrepertoire der meisten Athlet*innen gehört, stellt es hingegen für viele eine neue Herausforderung dar, auch die Speedvariante zu trainieren. Speedklettern ist das, was der Name schon verheißt. Im maximalen Tempo eine Wand hochklettern, wobei es für Zuschauer*innen eher so aussieht, als würden die Athlet*innen die Wand hochrennen. Diese Variante des Kletterns wirkt als Spektakulärste. Aber in der Kletterszene ist nicht unumstritten, dass sie mit in den olympischen Kletterdreikampf aufgenommen wurde.

Wenn man dieser Tage den sozialen Kanälen der Fliegerhalle folgt, wird die Erwartung einer „Sportstätte im Lockdown“ auf den Kopf gestellt. Anstelle von Prokrastination wird der Lockdown in der Fliegerhalle als Gelegenheit genutzt. So wird man von blitzblanken Wänden und Matten überrascht und wundert sich auch sonst über die Arbeitsamkeit vor Ort. Neuer Tresen, neue Griffe, neue Routen.

Wann es wieder los geht, ist noch unbestimmt. Aber vor Ort zweifelt niemand daran, dass sich viele Braunschweiger*innen danach sehnen. Das Klettern ist in Braunschweig ein wichtiger Bestandteil der Sportkultur geworden. Wer zu den Öffnungszeiten der Fliegerhalle auf der Matte steht, erlebt, dass der Kletter- und Bouldersport viele Pluspunkte bietet. Durch die verschiedenen Schwierigkeitsgrade der Kletterrouten können auch heterogene Gruppen zusammen, aber auf verschiedenen Niveaus, ihr Können unter Beweis stellen. So kann man gerade an den Wochenenden auch viele Familien antreffen, die zusammen aktiv an den Wänden sind. Auch Kinderkurse und Kindergeburtstage werden regelmäßig in der Halle durchgeführt. Der große Vorteil des Klettersports ist, dass er keine Konkurrenzsituation schafft. Der Gegner ist die Kletterroute, keine andere Gruppe oder Person. Das erzeugt kooperative Grundeinstellungen der Sporttreibenden. Die Gespräche in der Halle sind geprägt von gegenseitigen Empfehlungen, Tipps und Tricks für bestimmte Routen oder zur allgemeinen Klettertechnik.

Sport für heterogene Gruppen, kooperativ und integrativ. Klingt wie eine Traumkombination für den modernen Schulsport. Aber was ist mit der Sicherheit? Untersuchungen zeigen, dass selbst Badminton und Squash vor allem aber Fußball deutlich mehr Unfälle pro 1000 Sportstunden aufweisen. Also warum gibt es in Braunschweig nicht zahlreiche Kooperationen zwischen Schulen sowie Kindergärten und Kletterhallen? Vormittags stehen viele Sportflächen in der Stadt leer. Dazu gehören neben den Boulder- und Kletterhallen auch die vielen Vereinssportflächen, private Fußballhallen oder Unisportflächen. Am Beispiel der Kooperation mit Schwimmbädern zeigt sich, dass eine Vernetzung zwischen Bildungsträgern und Sporträumen sinnvoll ist, um auch Bewegungsangebote außerhalb von Schulsporthallen zu nutzen. Hier muss Vernetzungsarbeit stattfinden. Der Bildungsauftrag von Kindergärten und Schulen beinhaltet auch die Gesundheitsvorsorge durch Bewegung. Verlässliche und langfristige Kooperationen sollten durch die Kommune eingeleitet und unterstützt werden. Wenn wir Begeisterung für Sport und Bewegung wecken wollen, ist nicht hinnehmbar, dass so viel Potential ungenutzt bleibt.

Beitrag von Gordon Schnepel für die Grüne Sport AG in Braunschweig

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